Mein Gebet für heute - Kraftquelle in Corona-Zeiten (59)

Mein Gebet für heute - Kraftquelle in Corona-Zeiten (59)


# Mein Gebet für heute
Veröffentlicht am Donnerstag, 14. Mai 2020, 06:00 Uhr

Das „Gebet einer Schnecke“ verschenke ich gern. Jetzt fiel es mir ein. Wenn das Leben wieder Fahrt aufnimmt, möge uns die Achtsamkeit erhalten bleiben! 

Gebet einer Schnecke

Herr, mein Gott und Schöpfer!
Ich danke Dir, dass Du mich geschaffen hast.
Als Du am sechsten Tag die Erde hervorbringen ließest
lebendiges Getier, Vieh, alles Gewürm des Erdbodens und die Tiere des Feldes,
ein jedes nach seiner Art, da war ich auch dabei.

90.000 Arten gibt es in der großen Schneckenfamilie –
Unerschöpflich ist Deine schöpferische Phantasie.
Du bist ein Liebhaber des Lebens.
Du hast mich lieb. Ich habe dich lieb.
Die Menschen kamen erst nach mir.
Das erfüllt mich mit Genugtuung, nicht mit Stolz.
Du lässt sie über uns Tiere herrschen.
Das hat sich, mit Verlaub gesagt, nicht sehr bewährt. …

Ich kann Deine Welt nur von unten sehen.
Mein Horizont ist klein und bescheiden.
Ich klebe an der Erde, ich bleibe ihr treu.
Aber soweit ich blicken kann, ist deine Schöpfung schön und gut.
So krieche ich über die Wiesen und über die Äcker, über Wege und Straßen.
Im Garten fühle ich mich besonders wohl.
Achtgeben muss ich, Herr, dass ich nicht zertreten werde
von den Füßen Deiner Menschen, mutwillig oder aus Versehen.
Nimm du mich in Acht, Herr. …   

Ich bin nicht von den Schnellsten. Ich eile mit Weile.
Ich lasse mich nicht hetzen. Ich mache nur kleine Fortschritte.
Aber das genügt und ist besser für Deine Welt.
Rückschrittlich bin ich nicht. Langsam komme ich zum Ziel.
Nur etwas Geduld brauche ich.
Deine Menschen, Herr, verstehen das nicht.
Sie wollen schnell, schneller, am schnellsten sein.
Mein Schneckentempo nervt sie. So gehen sie sich auf die Nerven.
Da lob ich mir die Langsamkeit. So habe ich mehr vom Leben,
Ich bin nicht träge; ich weiß, das wäre Sünde.
Ich lasse mir nur Zeit. So erlebe ich mehr und erleide weniger. … 

Ich tummle mich auch auf dem Friedhof zwischen den Gräbern.
Dort soll manchmal mein Bild zu sehen sein auf den Grabsteinen.
So hintersinnig bin ich, ein Sinnbild des Lebens.
Ich sprenge im Frühjahr den Deckel meines Gehäuses zu neuem Leben.
Du, Herr, sprengst die Steine der Gräber zu ewigem Leben.
Da möchte ich auch dabei sein, um dich für immer und ewig zu loben.
Ich singe Dir das Halleluja auf meine Art. 

Gebet einer Schnecke, aus: Im Lauf der Welt. Sinn-Bilder zum Leben, Rosenheim 1985, S. 62-65 

Pfarrerin Ulrike Menzel, Theologischer Vorstand Samariteranstalten Fürstenwalde

Kommentare

Frank Sch-B
Liebe Ulrike, auch von mir ein Dank … in der Vergangenheit haben wir viel und klug von Verlangsamung gesprochen, jetzt, wo sie uns verordnet wird, fällt sie ganz schön schwer. Da will ich lernen von Schwester Schnecke.
Sven Tiepner
Danke für dieses wunderbare Gebet, das schon beim Nachbeten entschleunigt. Ich sehe die Schnecken im Garten jetzt mit anderen Augen.