Mein Gebet für heute - Kraftquellen in Corona-Zeiten (7)

Mein Gebet für heute - Kraftquellen in Corona-Zeiten (7)


# Mein Gebet für heute
Veröffentlicht am Montag, 23. März 2020, 06:00 Uhr

Das Gebet des Windes in Grandchamp

Dorothee Sölle

Der wind stöhnt um das dach der alten scheune

wir singen und schweigen

das beten zu lernen

der wind stört mich beim schweigen

kannst du nicht still sein

fahr ich ihn an

sieh doch die frommen frauen

und weißt du nichts von christus

der uns gelehrt hat

für die verhungernden einzutreten

Der wind heult um das dach der alten scheune

die eine kirche ist

das beten zu lernen

es ist nicht der wind der stört beim schweigen

hör mir doch zu

lacht er und schlägt sich gegen das dach

lass es doch sausen dein ich

und weißt du nichts vom tao

das uns gelehrt hat

nicht gegen den wind zu leben

Der wind singt um das dach der alten scheune

die eine art heimat wird

das beten zu lernen

endlich bin ich so still geworden

daß ich den wind beten höre

um die alte erde

ihre dächer und ihre antennen

daß nicht nur unsere der menschen musik da sei

singt er die ganze nacht

sein wüstes hallelujah

für die die wir vergessen

Mach uns demütiger bruder wind

mach uns zornig

wenn du uns beten hilfst

so hilf auch kämpfen

sing vom tao

und sing von christus

In Zeiten, in denen wir zunehmend auf uns selbst gestellt sind, weil soziale Aktivitäten auf ein Minimum reduziert werden, kann es auch heilsam sein, auf den Wind zu hören. In Grandchamp gibt es eine ökumenische Schwestern-Kommunität, in die man auch als Gast kommen kann, um zu schweigen und zu beten. Dabei kann man auch auf den Wind hören und von ihm lernen. Der Wind stört, er heult um das Dach, doch je länger er heult, wird aus dem Heulen ein singen und dann ein beten. Auch der Wind betet. Wir müssen ihm nur gut genug zuhören.

Wie in Grandchamp so heult und singt und betet der Wind auch an Oder und Spree und es ist an uns, daraus zu lernen. Lernen können wir daraus, dass wir geduldiger sind mit dem, was uns stört. Und wir können daraus beten lernen.

So können wir die Zeit zuhause auch als Zeit des Gebets verstehen und vom Wind lernen, der uns beim beten hilft. 

Mit diesem Gebet grüßt Pfarrer Dr. Jens Mruczek aus Rüdersdorf

Kommentare

Frank Sch-B
Lieber Jens, mit einem Tag Verspätung: Ich finde, ein herausforderndes und wunderbares Gebet. Und muss an Elia denken und an Rio Reiser, der ein mystisches Lied gedichtet hat "Du bist es", in dem er sein gegenüber unter anderem auch mit dem Sturm identifiziert. Und manchmal ist es so, dass wir den Sturm nicht wegbeten sollen, sondern lernen, in ihm und mit ihm zu leben. Vielleicht sollen wir in diesem Sinne uns alle an den Seeleute ein Vorbild nehmen … Genug assoziiert :) Liebe Grüße, Frank