Mitten wir im Leben sind

Mitten wir im Leben sind


# Kirchenmusik
Veröffentlicht am Samstag, 17. August 2019, 11:03 Uhr

Mitten wir im Leben sind...
… genießen wir Spaß, Gesundheit und die Fülle, die eben das Leben so bietet. Mitnichten denken wir dabei an den Tod. Doch genau so geht der Text weiter. „Mitten wir im Leben sind, mit dem Tod umfangen“, dichtete einst Martin Luther und meint: schaut ruhig darauf, dass mit der Geburt bereits das Ende beginnt.
Heinrich Schütz komponierte mit seinen „Musikalischen Exequien“ eine Begräbnismusik, die den Tod mitten ins Leben holt. „Nacket bin ich von Mutterleibe kommen. Nacket werde ich wiederum dahinfahren“, beginnt die Zusammenstellung der vertonten Texte. „Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn“ oder „Leben wir, so leben wir dem Herren, sterben wir, so sterben wir dem Herren“ singen die Solisten bei Schütz weiter und stellen die enge Beziehung von Leben und Tod dar.                                                               

Was bei Schütz die „Exequien“ sind, ist bei anderen Komponisten das „Requiem“, eine Totenmesse. Wie das Schützsche Werk erklingt auch ein Requiem am Sonntag, 17. November im Konzert des Motettenchores. Es ist ein alternatives Requiem und für dieses Konzert entstanden. Im Mittelpunkt des sechssätzigen Werkes steht eine Vertonung von Luthers Lied „Mitten wir im Leben sind, mit dem Tod umfangen“. Durch die rhythmisch veränderte Melodie wirkt das Stück sehr lebendig und schafft die eingangs beschriebene Verbindung. Das Besondere des „Requiem alternativ“ ist die Doppelsprachigkeit. Latein und Deutsch wechseln sich in den Sätzen ab. Das kommt dem heutigen Hörer entgegen ohne auf die klassischen markanten Texte des lateinischen Requiems verzichten zu müssen. Bibeltext, liturgische Stücke und Choräle verbinden sich so zu einem 25-minütigen Werk. Alternativ zu früheren Requiems ist auch die Instrumentierung. Pauken, Trommel und Gong bilden das rhythmische Gerüst. Elektronische Tasteninstrumente, Beat Root und Shruti-Box entwickeln meditative Melodien und langhaltende Akkorde. Der 1–6-stimmige Chor psalmodiert, variiert Choralmelodien, hämmert tonwiederholend dramatische Texte oder spricht rhythmisierend den Bibeltext aus dem Buch der Prediger „Alles hat seine Zeit“. Am Ende ist es dann doch keine Totenmesse, dieses „Requiem alternativ“,  sondern führt zum Leben zurück. Aller Tod mündet ein in die Auferstehung. Und so baut sich das Werk schließlich zu einem breit gefächerten Chorfinale mit dem Refrain des Liedes „Holz auf Jesu Schulter“ auf. Während sich das ganze Stück nie richtig auf eine Tonart festzulegen vermag, zielt es am Ende mit dem Text „Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn“ auf ein strahlendes G-Dur im Fortissimo hin. So haben auch Glocken und Klangschalen, hinweisend auf irdisches Leben und Ewigkeit, immer wieder ihre klangliche Berechtigung in den Sätzen.   

Man darf gespannt sein, wie das „Requiem alternativ“, erklingend zwischen der Bach-Motette „Komm, Jesu, komm“ und den Schütz-„Exequien“, seinen Beitrag zum Nachdenken über Tod und Leben zu leisten vermag. Es wird auf alle Fälle ein musikalisch und inhaltlich spannungsreiches Konzert.
Ihr Kirchenmusiker Matthias Alward